Gespräche über Beckett
Martin Segal, 17. Oktober 1995
Mel Gussow:
Wie oft sahen Sie ihn?
Martin Segal:
Mindestens einmal im Jahr. Wir trafen uns am späten Vormittag auf einen Kaffee. Er kam auch ins Ritz; er mochte es, er inspizierte die Szene. Er lebte sehr einfach, doch hatte er nichts dagegen, sich einer luxuriösen Umgebung auszusetzen, solange er nicht Teil davon sein mußte. Er rief mich an, um mir zu sagen, daß er den Nobelpreis bekommen würde. Zu der Zeit war er im Urlaub, und es ging ihm bereits nicht gut. Wir kamen überein, uns in Paris zu treffen, und aßen zusammen zu Abend, um das Ereignis im Le Grand Véfour zu feiern. Die Zeitungen waren voll von ihm, so daß ihn beim Hereinkommen jeder erkannte. Er aß Rührei oder etwas in der Art.
Mel Gussow:
Gab's Champagner?
Martin Segal:
Ich glaube, er nahm einen kleinen Schluck. Ich habe Champagner getrunken.
Mel Gussow:
Was sagte er zum Nobelpreis?
Martin Segal:
Wir verbrachten etwa dreieinhalb Stunden im Le Grand Véfour. Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf ihn. Es war wirklich eine außergewöhnliche Erfahrung. Sie wissen ja, wie gesellig es bei den Franzosen bei Essen und Wein zugeht, normalerweise ist ein Restaurant von Stimmengewirr erfüllt. Doch sie ließen ihn nicht aus den Augen, es war unheimlich. Er tat so, als wäre nichts. Er schien sich all dessen nicht bewußt zu sein.
Über die Auszeichnung schien er weder überrascht noch nicht überrascht zu sein. Es schien, als wäre dies nur ein weiteres Ereignis in seinem Leben. Er betrachtete es unter dem Aspekt, daß er in Geldangelegenheiten ein wenig großzügiger sein konnte. Das war alles. Dieser Abend hätte photographiert werden sollen.
Nach dem Essen wollte ich ihm ein Taxi rufen. Er lehnte ab, wollte vom Restaurant nach Hause laufen. Einen langen Spaziergang machen. Er trug nur einen einfachen Pullover. Es war Winter, und er hatte einen Schal umgebunden. Es war eine neblige Nacht. Er wirkte zerbrechlich. Und ging in die Nacht hinein. Wenn Sie sich ein Bild machen wollen von einer poetischen Situation für einen großen Schriftsteller, wie er davongeht, ganz gleich wohin: Ich war unfähig, mich von der Stelle zu rühren. Ich dachte, da geht er weg, allein, es evozierte sein Schreiben, seine Persönlichkeit.
Mel Gussow, Begegnungen mit Beckett. Gespräche mit und über Beckett (©) der deutschsprachigen Ausgabe 2006 Alexander Verlag Berlin - www.alexander-verlag.com. Dieser Textauszug ist urheberrechtlich geschützt. Sämtliche, auch auszugsweise Verwertungen bleiben vorbehalten.
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Peter Brook
"Theater als Reise zum Menschen"
Peter Brook: Wie und Warum Regie führen?
Die Arbeit eines Regisseurs kann in zwei simplen Worten zusammengefaßt werden: Warum und Wie?
Diese beiden Worte gehen nicht ohne weiteres zusammen. Warum ist sowohl ein kleines Wort als auch ein gigantisches Konzept. Warum überhaupt Theater machen? Jeder Regisseur ist vom Regieführen angezogen, weil er bewußt oder unbewußt eine bestimmte Vision, einen bestimmten Traum im Sinn hat; er hat eine bestimmte Aufgabe, etwas erstaunlich und außerordentlich zu machen, etwas an diesem eigenartigen Ort, der als Theater bezeichnet wird, zu tun, das über andere Jobs und das gewöhnliche Leben hinausgeht.
Wenn ein Regisseur seine Arbeit aufnimmt, bewegt er sich von dem „Warum möchte ich ein Teil dieser Welt sein?“ zum „Wie kann ich Theater machen?“. Das Wie kann auf kleine Angelegenheiten hinauslaufen, seien sie gewichtige, praktische Details oder einfach nur furchtbar nichtige Dinge. Doch die Rolle des Regisseurs, gleich welcher Schule oder welchen Stils, besteht stets darin, eine lebendige Verknüpfung herzustellen, die weder Verrat an dem kleinen warum noch an dem großen Warum, weder an dem kleinen wie noch an dem großen Wie begeht.
Peter Brook, Theater als Reise zum Menschen. Herausgegeben von Olivier Ortolani (©) der deutschsprachigen Ausgabe 2006 Alexander Verlag Berlin - www.alexander-verlag.com. Dieser Textauszug ist urheberrechtlich geschützt. Sämtliche, auch auszugsweise Verwertungen bleiben vorbehalten.
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Seelen mit Methode
„Schauspieltheorien vom Barock- bis zum postdramatischen Theater“
William Archer: Masken oder Gesichter?
Eine Studie zur Psychologie der Schauspielkunst
VI.
Haben Sie jemals eine komische Rolle gespielt, wenn Sie mit schwerem Kummer oder seelischer Depression zu kämpfen hatten? Wenn ja, erzielten Sie weniger Wirkung beim Publikum als sonst? Oder mehr? Haben Sie jemals eine tragische Rolle gespielt, während ungewohnte Heiterkeit Ihr Gemüt erfüllte? Wenn ja, wie hat es Ihr Spielen beeinflußt?
VII.
Über einen weithin bekannten Schauspieler erzählte man sich, er schlüpfe am Morgen in die Rolle, die er am Abend spielte: An Tagen, an denen er Richard III. spielte, sei er wild und brutal, zynisch und grausam gewesen, während er an Tagen, an denen er Mercutio oder Benedick spielte, ganz Liebenswürdigkeit, Humor und Höflichkeit gewesen sei. Verspüren Sie einen solchen Hang, und sind Sie sich dessen bewußt? Oder haben Sie Ähnliches bei anderen beobachtet? Neigen Sie dazu, in der Künstlergarderobe, zwischen den Akten, Stimme und Auftreten der Figur beizubehalten, die Sie verkörpern? Oder haben Sie so etwas bei anderen beobachtet?
[...]
XIII.
Nehmen Sie aus emotionalen Szenen des wirklichen Lebens, gleich ob Sie unmittelbar beteiligt (z.B. am Totenbett eines Verwandten) oder rein zufällig Zuschauer sind (z.B. bei einem Verkehrsunfall), bewußt Erfahrungen auf, um daraus auf der Bühne nachträglich einen Nutzen zu ziehen? Oder können Sie eine auf der Bühne eingesetzte Wirkung zurückführen auf eine solche reale Erfahrung, die Ihr Gedächtnis automatisch registriert hat?
Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock- bis zum postdramatischen Theater. Herausgegeben von Jens Roselt (©) der deutschsprachigen Ausgabe 2006 Alexander Verlag Berlin - www.alexander-verlag.com. Dieser Textauszug ist urheberrechtlich geschützt. Sämtliche, auch auszugsweise Verwertungen bleiben vorbehalten.
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