Asaf Schurr
„Motti“
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Und Motti in seiner Zelle. Rechts eine Wand und links eine Wand, vorne eine Wand (und eine Tür) und hinten eine Wand, über und unter ihm nichts als Zeit. Er drückt ein Ohr an die Wand (von der anderen Seite dringt kein Laut) und malt sich etwas aus. Stimmt, man kann einwenden, das sei unproduktiv, pathetisch sogar, er und sein introvertiertes Leben, aber auf diese Weise ist er frei, selbst in der Gefängniszelle ist er frei, dass man ihn einfach nur beneiden kann, und auch wenn die wahre Lebensgeschichte mit seinen Taten derart an die Wand gedrängt ist, haben seine anderen Leben, die er sich ausmalt und im Gedächtnis behält, so viele Stimmen, mehr, als das Übliche es bereithält, und auch darin liegt Freiheit, und mit den Jahren, wenn die Zeit sich zum größten Teil hinter ihm erstrecken wird, was macht es da eigentlich für einen Unterschied, was wirklich gelebt wurde und an was wir uns lediglich erinnern?
Asaf Schurr. Motti (©) der deutschsprachigen Ausgabe: 2010 BV Berlin Verlag GmbH. www.berlinverlage.de
Dieser Textauszug ist urheberrechtlich geschützt. Sämtliche, auch
auszugsweise Verwertungen bleiben vorbehalten.
Marina Groslerner
„Lalya“
Aschdod, 1977
Chana lag in grünlichem Wasser, im dampfenden Badezimmer, Wellen von Bat-Oren, „Kieferntochter“, schlugen gegen ihren großen, schönen Körper.
Lalya hockte auf dem Wannenrand und konnte den Blick nicht von ihrer Mutter lassen, die sich dem wohlig warmen Wasser hingab. Wie schön sie in ihrer Nacktheit war: dunkel, glitschig, hart. Zorn hatte ihr Gesicht zu alterslosem Lavagestein gehärtet, aber keine Falten hineingefurcht. Dieser Zorn kam einer Naturkraft gleich, er konnte aber Chanas von geschickter Hand gezeichnete Züge nicht verfälschen.
Lalya war stolz auf den Zorn ihrer Mutter, der vor nichts und niemandem kapitulierte; nicht vor einem schönen Baby, nicht vor einem kleinen Hund, der sich verlaufen hatte. Darin lag eine Art Macht. Lalya wußte, daß sie anders als ihre Mutter war; sie änderte ständig ihre Meinung zu den Dingen. Manchmal liebte sie ohne Grund, so sehr, daß ihr Herz vor intensiven Empfindungen zu zerspringen drohte.
Chana sah ihre Tochter an, sah die Bewunderung in den klaren Augen und lächelte. Es war ein besonders weiches Lächeln, ein liebendes sogar, das sich nur selten auf dem Gesicht der Mutter Bahn brach. Und Lalya verlor keine Sekunde, sich am Licht dieses Lächelns zu wärmen, sog schnell jeden Tropfen Liebe auf, bevor er verdunstete. Im Liebe-Aufsaugen war sie eine Expertin: flink raffte sie alles zusammen, wie eine Diebin. Lalya hatte die Begabung, aus fünf Minuten Liebe mehr Gefühl zu gewinnen, als es verschwenderische Menschen in einem ganzen Leben anzusammeln vermochten.
Marina Groslerner. Layla
(©) der deutschsprachigen Ausgabe 2004 Deutscher Taschenbuch Verlag, München. www.dtv.de
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Uri Adelman
„Konzert für Spion und Orchester“
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Irith
Außer uns beiden war niemand im Chorraum. Bis zum Beginn des Gebets war noch über eine Stunde Zeit. Ossip saß auf der Orgelbank, gelassen wie immer, und griff in die Tasten.
„Wissen Sie, Irina“, begann er ernsthaft, „ich muß dem Schicksal für die Gelegenheit danken, mich mit Ihnen unterhalten zu dürfen. Ich hatte völlig vergessen, wie angenehm es ist, ein intelligentes Gespräch über Musik zu führen.“
„Danke“, sagte ich. „Hoffentlich erfahre ich irgendwann mal, warum das Schicksal ausgerechnet uns zusammengeführt hat."
Dabei versuchte ich, Ossips Miene zu ergründen. Sicher weiß er mehr als ich, aber sagen wird er kaum etwas.
„Ich mache ein echtes Kompliment, von ganzem Herzen“, sagte Ossip wie zu sich selbst, „und was bekomme ich zur Antwort? Eine gut getarnte Frage.“;
Gut, dass ich ihn schon besser kannte, man konnte wirklich meinen, er wäre verletzt.
„So habe ich das nicht gemeint“, sagte ich.
Ossip redete weiter, als hätte er mich nicht gehört. „In diesem Gewerbe stellt man gewisse Fragen nicht. Sie müssen sich damit abfinden, dass Sie nichts erfahren werden. Niemals.“
Das letzte Wort unterstrich er mit einem disharmonischen Akkord.
Ich nickte.
„Besser so“, sprach er weiter, nachdem der Akkord verklungen war, „denn meist ist die Wahrheit viel langweiliger als die Phantasie. Eigentlich immer.“
Er ignorierte mich und spielte etwas Neues. Ein scheinbar zufälliges Sammelsurium von Klängen und Fragmenten aus musikalischen Sätzen, Farbsplittern, ungeordnet und formlos. Aber allmählich nahmen die Klänge Form an, und Ossips anfangs amüsierte und beinahe gleichgültige Miene wurde konzentrierter. Er improvisierte weiter, webte das musikalische Material zu einem farbigen Klangteppich, der den Nuancenreichtum der Orgel in sich vereinte.
Ich hörte ihm zu, anfangs wie eine nachsichtige Mutter einem Kind zuhört, das sein Talent unter Beweis stellen will. Bis ich erkannte, wie er die Originalfassungen in ihre Einzelteile zerlegte, sie erweiterte und die Proportionen der einzelnen Teile veränderte, bis der neue Teil in den energetischen Strom der Improvisation eingesogen wurde. Die mütterliche Nachsicht machte mehr und mehr reiner Neugier Platz und schließlich echter Bewunderung. Ossip war ein Musiker. Punkt. Und er verfügte über eine seltene und echte Begabung.
„Warum haben Sie aufgehört?“ fragte ich, als er plötzlich abbrach.
Wieder legte sich dieser Schleier über sein Gesicht.
„Wo haben Sie spielen gelernt?“ fragte ich weiter.
„Hier und da“, antwortete er nebulös.
„Sie spielen wunderbar“, sagte ich aufrichtig, „ich beneide Sie um diese Begabung.“
„Ach, das ist doch nichts", meinte er leichthin.
„Spielen Sie auch andere Instrumente?“
„Ich spielte nicht, ich mache nur Lärm. Klarinette. Ein bisschen Gitarre, Schlagzeug.“
„Sind Sie sicher, dass es in Ihrer Familie nicht vielleicht Klezmer-Musiker gab?“ Ich weiß nicht, wie ich auf diese Frage kam, aber sie hatte eine enorme Wirkung. ...
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Kobi Oz
„Mosche Chuwato und der Rabe“
I.Kapitel 15
II.Zion Chuwato
Unser Mosche
Wo ist Mosche schon wieder? Immer verschwindet er, wenn man ihn braucht.
Ein gutes Kind, aber ein Stück Kartoffel. Laß ihn an einem Ort liegen und komm in zwei Jahren zurück, er wird noch genau an derselben Stelle sein.
Er hat einfach keine Willenskraft.
Unser Mosche ist wie eine Kartoffel, ohne Geschmack und ohne Geruch. Wie viele Male habe ich ihm schon gesagt, Mosche, tu was.
Als ich nach Israel gekommen bin, habe ich die Regeln gleich kapiert, erstens: ohne Formulare gibt es nichts, zweitens: man muß einer Partei angehören, wer kümmert sich sonst um dich? Wenn du in keiner Partei bist, bist du ein Nichts. Mosche will das nicht verstehen, unsere Kartoffel. Ein Kind ohne Meinung. Ein Kind der UNO, zurückhaltend, immer still, unparteiisch. Er hängt in seinem Zimmer herum, vor dem Fernseher, wie ein Sozialhilfeempfänger.
Und das mit zwanzig.
Ich hoffte immer, daß er sich an Jiftach ein Beispiel nehmen würde, das wollte ich. Er sollte wie Jiftach werden, das wollte ich, ein israelischer Held. Aber Mosche und Jiftach, das ist so weit entfernt wie Ost und West.
Mosche ist orientalisch und hört nur depressive, traurige Lieder. Eigenartig, wie ich so einen Sohn hervorbringen konnte, deprimierend, das paßt genau in das Stigma von dem aschkenasischen und dem orientalischen Juden. Hat man vielleicht erwartet, daß ich so einen Sohn haben würde, einen Drückeberger und Faulenzer, ellenlang und träge. Ein Kandidat fürs Arbeitsamt, genau wie Onkel Charly, geheiligt sei sein Name.
Was man erwartet, ist das eine, was man bekommt, das andere.
Immer wieder habe ich gesagt, Mosche, unternimm etwas.
Aber er, eine Batata.
Er ist nicht dumm, mein Mosche, nur verschlossen.
Wenn man eine Kartoffel nimmt und sie in einen Topf mit Wasser legt, wachsen ihr Triebe und Blätter - eine neue Kartoffel wächst heran.
Wir sollten für Mosche schnellstens einen passenden Topf finden, damit er aufblüht...
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